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2010.08.24

Iran zwingt Aschtiani zu "Geständnis"

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Die von der Steinigung bedrohte Mutter gibt im Fernsehen zu, Ehebruch begangen und Mord-Beihilfe geleistet zu haben. Doch das Geständnis erfolgt alles andere als freiwillig.

Frankfurter Rundschau

Erzwungene Geständnisse im Fernsehen gehören zu den grausigen Ritualen der Islamischen Republik. Jetzt zerrten die Justizgewaltigen Sakineh Mohammadi Aschtiani ins staatliche Abendprogramm. Den Körper in einen schwarzen Schador gehüllt, das Gesicht von einem Tuch verdeckt, erklärte eine Frauenstimme, sie sei Mittäterin bei der Ermordung ihres Ehemannes gewesen. Ihre Worte wurden von einem Sprecher kommentiert, der sich gegen die „Propaganda der westlichen Medien“ zugunsten der Verurteilten ereiferte.

„Nur weil ich eine Frau bin, denken sie in diesem Land, sie können alles mit mir machen“

Die FR unterstützt den weltweiten Protest gegen die geplante Steinigung von Sakineh Aschtiani. Täglich präsentieren wir einen Unterzeichner der Internet-Petition, die diesen Verstoß gegen die grundlegenden Menschenrechte verurteilt und die Freilassung fordert. So machen Sie mit:

Hier ONLINE unterzeichnen www.freesakineh.org (Seite der Organisatoren) im Browser eingeben) oder direkt unter diesem Artikel Ihre Meinung dazu äußern.

Protestieren können Sie auch auf dem Postweg. Richten Sie Ihre Briefe in Persisch, Arabisch, Englisch, Französisch oder Deutsch an den Religionsführer und die oberste Justizautorität im Iran:
Ayatollah Sayed ’Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street - End of Shahid Keshvar Doust Street
Tehran, Iran

Ayatollah Sadegh Larijani
Office of the Head of the Judiciary
Pasteur St., Vali Asr Ave. south of Serah-e Jomhouri
Tehran, Iran

Amnesty International empfiehlt, folgende Forderung zu stellen: „Ich fordere Sie auf, dafür Sorge zu tragen, dass Sakineh Mohammadi Aschtiani nicht durch Steinigung oder auf andere Weise hingerichtet wird. Führen Sie eine umfassende Prüfung ihres Falls durch. Stoppen Sie die Steinigungen, schaffen Sie die Todesstrafe ab, verbieten Sie Prügelstrafen und hören Sie auf, Menschen, die Ehebruch begehen, zu kriminalisieren.“

Sakineh Aschtiani wurde im Jahr 2006 wegen der „unerlaubten Beziehung“ zu zwei Männern mit 99 Peitschenhieben bestraft. Später wurde sie zusätzlich wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt.

Die Hinrichtung wurde im Juli zunächst aufgeschoben, Menschenrechtsorganisationen gehen jedoch davon aus, dass das Urteil weiter Gültigkeit besitzt. Im August zwangen die Machthaber Sakineh Aschtiani zu einem öffentlichen Geständnis im Fernsehen. Darin musste sie sich als Mörderin bezeichnen, obwohl sie wegen Ehebruchs verurteilt wurde und vom Vorwurf des Mordes an ihrem Ehemann freigesprochen.

Laut Amnesty International wurden im Iran seit 2002 mindestens sechs Menschen gesteinigt, mindestens sieben weitere Frauen und drei Männer seien aktuell bedroht.
Der Somalier Mohamed Ibrahim, 48, vor seiner Steinigung im Dezember 2009.

Steinigungsurteile sind in jüngster Zeit aus Afghanistan, Nigeria, Iran, Irak, Jemen, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan und den Vereinigten Arabischen Emiraten bekannt geworden. Beispiele:

Aisho Ibrahim Dhuhulow war 13 Jahre alt, als sie am Montag, 27. Oktober 2008, im Stadion der somalischen Hafenstadt Kismayo bis zum Hals in den Boden eingegraben und von 50 Männern zu Tode gesteinigt wurde. Ihr wurde Ehebruch zur Last gelegt. Nach Recherchen somalischer Journalisten wurde das Mädchen jedoch verhaftet, als sie Anzeige wegen Vergewaltigung erstatten wollte. Augenzeugen sagten, die Verurteilte sei während der Steinigung einmal ausgegraben worden, damit Krankenschwestern feststellen konnten, ob der Tod bereits eingetreten sei. Nachdem dies nicht der Fall war, wurde die Steinigung fortgesetzt. Im von den Islamisten kontrollierten Teil Somalias wurden seit 2008 mindestens vier Menschen gesteinigt.

Amina Lawal sollte im Frühling des Jahres 2002 sterben. Ein Scharia-Gericht in dem nordnigerianischen Bundestaat Katsina hatte die damals 30-Jährige zum Tod durch Steinigen verurteilt, weil sie ein Kind von einem verheirateten Mann erwartete. Nach einer weltweiten Kampagne wurde das Urteil zunächst bis zum Abstillen ihrer Tochter ausgesetzt – später wurde das Todesurteil aus Verfahrensgründen aufgehoben. Seit die nordnigerianischen Bundestaaten Mitte der 90er Jahre eine strenge Form des Scharia-Rechtes eingeführt hatten, kam es zu mehreren Todesurteilen gegen angebliche Ehebrecher und Ehebrecherinnen. Allerdings ist nicht bekannt, dass auch nur eine der verfügten Steinigungen tatsächlich ausgeführt wurde. jod

Die Mutter zweier Kinder war im Jahr 2006 zum Tod durch Steinigung wegen angeblichen Ehebruchs verurteilt worden, was im iranischen Strafrecht „als Verbrechen gegen Gott“ gilt. Angesichts der weltweiten Empörung wich Teherans Justizchef Sadegh Laridschani inzwischen etwas zurück und setzte die Vollstreckung „vorerst“ aus.

Doch Sakineh Mohammadi Aschtiani sitzt weiter in ihrer Todeszelle im Gefängnis von Tabris. Noch vergangene Woche hatte sie in einem per Mittelsmann organisierten Interview der britischen Zeitung The Guardian gesagt, die Behörden würden neue Vorwürfe gegen sie erfinden. „Sie lügen und sind wütend wegen der internationalen Empörung“, erklärte sie. Die Justiz wolle nun die Weltöffentlichkeit ablenken und die Medien verwirren, „damit sie mich heimlich exekutieren können“.

Die 43-Jährige bekräftigte, sie sei wegen Ehebruchs verurteilt, vom Vorwurf des Mordes aber freigesprochen worden: „Nur weil ich eine Frau bin, denken sie in diesem Land, sie können alles mit mir machen.“ Der Chefankläger der Provinz Ost-Aserbaidschan dagegen behauptete in der Propaganda-Fernsehsendung am Mittwochabend, die Verurteilte habe ihrem Ehemann eine Injektion gegeben, damit ihr damaliger Liebhaber den Betäubten mit einem Stromschlag töten konnte.

Ihr Rechtsanwalt Mohammad Mostafaie, der als scharfer Kritiker der iranischen Strafpraxis gilt, hatte sich vergangene Woche nach einer abenteuerlichen Odyssee über die Türkei nach Norwegen abgesetzt, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Sein Nachfolger und Kollege Houtan Kian berichtete am Donnerstag dem Guardian, Sakineh Mohammadi Aschtiani sei so schwer geprügelt und gefoltert worden, dass sie schließlich einwilligte, vor der Kamera zu „gestehen“.

Als Aschtianis Sohn an die Öffentlichkeit ging, wurde er vom Geheimdienst hart verhört

Ihr 22-jähriger Sohn Sajad und ihre 17-jährige Tochter Farideh seien dadurch schwer traumatisiert. Beide hatten zuvor mehr als hundert Briefe geschrieben – unter anderen an Revolutionsführer Ali Chamenei und Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Sechsmal reiste Sajad nach Teheran, um eine Begnadigung seiner Mutter zu erreichen. Man ließ ihn abblitzen, alle Briefe blieben ohne Antwort.

Erst als der Steinigungstermin näher rückte, alarmierte Sajad die internationale Öffentlichkeit. Zweimal wurde er seither vom Geheimdienst hart verhört. Doch die Geschwister wollen um das Leben ihrer Mutter weiterkämpfen .

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