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Interview: „Was bleibt uns anderes übrig?“
Asghar Farhadi spricht über das Arbeiten im Iran und über die Doppelmoral des Westens.
Asghar Farhadi: "Man entwickelt eine innere Stärke, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Filmemacher im Iran begleitet uns die Angst vor Strafen permanent." Herr Farhadi, Ihr Film ist inzwischen auch im Iran in die Kinos gekommen. Wie waren dort die Reaktionen? Waren die Politiker auch begeistert? Oder gab es Kontroversen? Verdankt sich dieser Rückzug ins Private der schwierigen Lage für Filmemacher im Iran, der mangelnden Meinungsfreiheit? Verstehen Sie dennoch, warum manche Ihrer Kollegen – etwa Jafar Panahi – die Missstände im Iran viel offensiver anprangern und sich damit in Gefahr begeben? Selbstverständlich verstehe ich das. Aber Sie müssen auch verstehen, dass jeder Regisseur anders arbeitet und andere Themen sucht. Haben Sie Kontakt mit Jafar Panahi? Wir sehen uns oft in Teheran. Er kann sich ja frei bewegen, während er auf die Revision seines Urteils zu Haft und Berufsverbot wartet. Ich habe ihn im Kino und im Theater getroffen, natürlich auch auf der Straße. Für mich sind Panahi und der ebenfalls verurteilte Regisseur Mohammad Rasoulof enge Freunde, mit denen ich mitleide. Sich frei zu bewegen ist eine Sache, aber das Berufsverbot eine andere. Vielleicht gibt es eine neue Aufmerksamkeit im Ausland wie im Iran? Das mag sein. Ich bin überzeugt, dass dem Iran positive Veränderungen bevorstehen. Aber ich würde dennoch fordern, dass man sich als Intellektueller nicht einfach einer solchen Welle – wie ehrenwert auch immer – anschließt, sondern stets eine gewisse Distanz und einen kritischen Blick bewahrt. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bin sehr gerührt von der Solidarität, die Jafar und Mohammad erfahren. Aber die Frage, warum es nicht auch in früheren Fällen solche Reaktionen gegeben hat, muss erlaubt sein. Haben Sie jetzt durch den Erfolg von „Nader und Simin“ eine gewisse Narrenfreiheit? Oder stehen Sie unter noch strengerer Beobachtung? Eher ist letzteres der Fall, im politischen wie im künstlerischen Sinn. Je größer der Erfolg, desto genauer schauen dir alle auf die Finger und warten womöglich auf einen Fehltritt. Aber das muss nichts Schlechtes sein, denn es hat zur Folge, dass man noch gründlicher arbeitet. Auch wenn Kontrolle durch das Regime zum Alltag eines iranischen Regisseurs gehört: Ist es nicht unerträglich, dass ein falsches Wort schon zu einem Berufsverbot führen kann? Der Vergleich hinkt doch. Bei „Nader und Simin“ wurden Ihnen vor Drehbeginn vom Regime Steine in den Weg gelegt, nachdem Sie sich mit Panahi solidarisiert hatten. Sich bei jedem Satz zweimal zu überlegen, ob man ihn sagt, wenn man weiter Filme drehen möchte – das kann doch nicht Normalität sein. Wenn man in so einer Gesellschaft aufwächst, entwickelt man ein Gefühl dafür, wie man mit den Umständen leben und doch seinen Weg gehen kann. Und eine innere Stärke, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Filmemacher im Iran begleitet uns die Angst vor Strafen permanent. Was bleibt uns übrig, als zu lernen damit umzugehen? Wenn man nur darüber nachdenkt, was man vielleicht sagen darf und was nicht, kann man das Filmen gleich aufgeben. Würden Sie gern mal außerhalb des Irans drehen? Interview: Patrick Heidmann |
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