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2011.07.14

Interview: „Was bleibt uns anderes übrig?“

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Asghar Farhadi spricht über das Arbeiten im Iran und über die Doppelmoral des Westens.

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Asghar Farhadi: "Man entwickelt eine innere Stärke, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Filmemacher im Iran begleitet uns die Angst vor Strafen permanent."

Herr Farhadi, Ihr Film ist inzwischen auch im Iran in die Kinos gekommen. Wie waren dort die Reaktionen?

Ich habe eine solche Welle der Begeisterung erlebt wie noch bei keinem meiner Filme. Tatsächlich gehört „Nader und Simin – Eine Trennung“ zu den erfolgreichsten iranischen Filmen der vergangenen Jahre. Und es wurde viel über ihn gesprochen, im Internet und in Zeitungen. Nicht nur von Filmkritikern, sondern auch von anderen Intellektuellen und sogar Politikern.

Waren die Politiker auch begeistert? Oder gab es Kontroversen?

Die Meinungen reichten von Begeisterung bis Ablehnung. Aber von Kontroversen würde ich nicht sprechen, zumal es natürlich auch nicht unbedingt die obersten Führungskreise waren, die sich da zu Wort gemeldet haben. Dafür bietet mein Film zu wenig politischen Sprengstoff, auch wenn ich ihn nicht als unpolitisch bezeichnen würde. Es bleibt nur jedem Zuschauer überlassen, das Politische im Privaten zu erkennen.

Verdankt sich dieser Rückzug ins Private der schwierigen Lage für Filmemacher im Iran, der mangelnden Meinungsfreiheit?

So würde ich das nicht sagen. Meine Art des Filmemachens ist die politischste, die ich mir vorstellen kann. Ich rege die Menschen zum Nachdenken an – was könnte politischer sein? Selbst wenn sich unser System plötzlich in eine Demokratie verwandeln würde, wäre meine Arbeit deswegen kein Deut anders als jetzt. Statt politischer Pamphlete bevorzuge ich Subtilität.

Verstehen Sie dennoch, warum manche Ihrer Kollegen – etwa Jafar Panahi – die Missstände im Iran viel offensiver anprangern und sich damit in Gefahr begeben?

Selbstverständlich verstehe ich das. Aber Sie müssen auch verstehen, dass jeder Regisseur anders arbeitet und andere Themen sucht.

Haben Sie Kontakt mit Jafar Panahi?

Wir sehen uns oft in Teheran. Er kann sich ja frei bewegen, während er auf die Revision seines Urteils zu Haft und Berufsverbot wartet. Ich habe ihn im Kino und im Theater getroffen, natürlich auch auf der Straße. Für mich sind Panahi und der ebenfalls verurteilte Regisseur Mohammad Rasoulof enge Freunde, mit denen ich mitleide.

Sich frei zu bewegen ist eine Sache, aber das Berufsverbot eine andere.

Das ist gerade für einen so engagierten Filmemacher schrecklich. Aber neu ist diese Art Strafe im Iran nicht. Nach der islamischen Revolution wurden viele Regisseure damit belegt und zwar nicht nur für 20 Jahre, sondern lebenslang. Anders als heute gab es damals leider kaum empörte Reaktionen aus dem Ausland, wohl weil viele Intellektuelle die Revolution zunächst unterstützten. Aber auch damals hätten Festivals wie die Berlinale oder Cannes die Aufmerksamkeit auf diese Kollegen richten können! Stattdessen hat man sie in Vergessenheit geraten lassen, wo viele von ihnen einsam gestorben sind. Ich empfinde das durchaus als ärgerliche Doppelmoral des Westens.

Vielleicht gibt es eine neue Aufmerksamkeit im Ausland wie im Iran?

Das mag sein. Ich bin überzeugt, dass dem Iran positive Veränderungen bevorstehen. Aber ich würde dennoch fordern, dass man sich als Intellektueller nicht einfach einer solchen Welle – wie ehrenwert auch immer – anschließt, sondern stets eine gewisse Distanz und einen kritischen Blick bewahrt. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bin sehr gerührt von der Solidarität, die Jafar und Mohammad erfahren. Aber die Frage, warum es nicht auch in früheren Fällen solche Reaktionen gegeben hat, muss erlaubt sein.

Haben Sie jetzt durch den Erfolg von „Nader und Simin“ eine gewisse Narrenfreiheit? Oder stehen Sie unter noch strengerer Beobachtung?

Eher ist letzteres der Fall, im politischen wie im künstlerischen Sinn. Je größer der Erfolg, desto genauer schauen dir alle auf die Finger und warten womöglich auf einen Fehltritt. Aber das muss nichts Schlechtes sein, denn es hat zur Folge, dass man noch gründlicher arbeitet.

Auch wenn Kontrolle durch das Regime zum Alltag eines iranischen Regisseurs gehört: Ist es nicht unerträglich, dass ein falsches Wort schon zu einem Berufsverbot führen kann?

Natürlich ist das nicht schön. Aber Eskimos können sich gewiss auch Schöneres vorstellen als die Kälte; trotzdem ziehen sie nicht alle nach Italien. Unsere Lebensumstände sind für uns Normalität.

Der Vergleich hinkt doch. Bei „Nader und Simin“ wurden Ihnen vor Drehbeginn vom Regime Steine in den Weg gelegt, nachdem Sie sich mit Panahi solidarisiert hatten. Sich bei jedem Satz zweimal zu überlegen, ob man ihn sagt, wenn man weiter Filme drehen möchte – das kann doch nicht Normalität sein.

Wenn man in so einer Gesellschaft aufwächst, entwickelt man ein Gefühl dafür, wie man mit den Umständen leben und doch seinen Weg gehen kann. Und eine innere Stärke, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als Filmemacher im Iran begleitet uns die Angst vor Strafen permanent. Was bleibt uns übrig, als zu lernen damit umzugehen? Wenn man nur darüber nachdenkt, was man vielleicht sagen darf und was nicht, kann man das Filmen gleich aufgeben.

Würden Sie gern mal außerhalb des Irans drehen?

Ich würde es gern demnächst mal ausprobieren. Zu emigrieren kommt für mich aber nicht in Frage. Der Iran ist meine Heimat. Die besten Filme dreht man dort, wo man zu Hause ist und sich auskennt.

Interview: Patrick Heidmann

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